Erfahrungsberichte:
Colegio Novalis in Montevideo/Uruguay
Ein ehemaliger Schüler berichtet über seine Zeit als Zivildienstleistender
im Colegio Novalis in Montevideo/Uruguay.
"Bienvenido Jorge!" In bunten Lettern prangt dieser Willkommensgruß
am Eingang des Colegio Novalis in Montevideo.
Sollte etwa ich gemeint sein?
Übermüdet von einem langen Flug betrete ich den Ort, der mir
für die nächsten fünfzehn Monate Heimat werden soll.
Es ist Freitagnachmittag, und `zig große braune Kinderaugenpaare
spähen aus den Fenstern, als ich über den Schulhof laufe. Die
Schüler warten gespannt auf "el alemán", den Deutschen,
der die nächste Zeit in ihrer Schule arbeiten soll.
An einen geregelten Unterrichtsablauf ist jetzt nicht mehr zu denken.
Jeder Klasse werde ich einzeln vorgestellt, wobei ich mich einer schier
unendlichen Flut von Fragen entgegengesetzt sehe.
"Gefällt Dir Fußball?", "Hast Du eine Freundin?", "Schmeckt
Dir Schokolade?", "Was ist Deine Lieblingsfarbe?" "Gibt es in Deutschland
keine Kämme?" (offenbar hat der Flug seine Spuren hinterlassen) sind
nur einige Fragen, die mir die Kinder stellen und die ich geduldig mit
Hilfe der übersetzenden Deutschlehrerin zu beantworten versuche.
Nebenbei bemerke ich, daß ich hier offensichtlich als "Jorge" ("Georg",
sprich: Chorche) angekündigt bin, denn mit "Jörn", meinem eigentlichen
Vornamen, spricht mich hier niemand an. Dezent weise ich meine Übersetzerin
darauf hin, worauf sie meint "Jörn" sei einfach zu schwierig und
überhaupt würden die beiden Punkte über dem "O" ein wenig
irritieren ...
Mit dem Argument "Ich habe eine Sprache gelernt, ihr könnt wenigstens
einen Namen lernen!" sollte es mir Monate später doch noch gelingen,
die Schulgemeinschaft zu überzeugen, es wenigstens zu versuchen,
meinen Namen auszusprechen. Von da ab hörte ich auf alles, was mit
"J" anfing und mit "N" aufhörte, was dazwischen war überhörte
ich geflissentlich.
Ich war ausgezogen, den sog. "Anderen Dienst im Ausland" zu leisten,
einen offiziell anerkannten Ersatz für den Zivildienst in Deutschland.
Diese selbst unter Jugendlichen wenig bekannte Alternative dauert zwei
Monate länger als der Zivildienst, im Moment also 15 und wird zudem
nicht bezahlt. Auch Reise- und Versicherungskosten gehen in aller Regel
zu Lasten des Dienstleistenden. Es gibt knapp 130 vom Bundesfamilienministerium
anerkannte Trägervereine, die den "Anderen Dienst im Ausland" vermitteln
und etwa 1200 Plätze anbieten. Dies sind oft christlich orientierte
Einrichtungen wie das Diakonische Werk, Kirchengemeinden und Missionswerke,
aber auch solche aus der Friedensbewegung oder dem Entwicklungshilfebereich.
Eine Ausnahme bilden die "Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners",
die ebenfalls als Träger für den "Anderen Dienst im Ausland"
anerkannt sind.
Für mich stand Lateinamerika als Wunschkontinent fest, woraufhin
ich mich mit den entsprechenden Trägern in Verbindung setzte. Doch
oftmals war dort eine abgeschlossene Berufsausbildung, aktive Mitarbeit
in einer Kirchengemeinde o.ä. Voraussetzung für einen Einsatz.
Da ich diese nicht erfüllen konnte, war es unmöglich, einen
Platz zu bekommen. Nun hatten die "Freunde der Erziehungskunst" eine ganze
Anzahl von Dienststellen im Ausland, überwiegend in Waldorfeinrichtungen,
doch zu diesem Zeitpunkt noch keine in Lateinamerika.
Es bestand jedoch die Möglichkeit, weitere Dienststellen beim Bundesfamilienministerium
anerkennen zu lassen und so fragte ich bei den Waldorfeinrichtungen in
Lateinamerika an, ob nicht Bedarf an einem "Zivi" bestehe. Die erste bejahende
Antwort erhielt ich aus Montevideo in Uruguay.
Nun konnte ich glücklicherweise auf die Kontakte von Frau ... zurückgreifen,
deren Schwester an der Schule in Montevideo unterrichtet. Nachdem diverse
Papiere beim Familienministerium eingereicht wurden, wurde das Colegio
Novalis in Montevideo schließlich als Dienststelle für den
Anderen Dienst im Ausland anerkannt. Die gesamte Planung von der Idee
bis zu Ausreise hat dabei über anderthalb Jahre gedauert.
Aber welche Motive gibt es überhaupt, seine gewohnte Umgebung hinter
sich zu lassen und für 15 Monate ins Ausland zu gehen? Genügend!
Sei es die einzigartige Erfahrung, eine bis dahin fremde Kultur und Lebensweise
hautnah mitzuerleben, eine neue Sprache zu erlernen; sei es die Lust am
Abenteuer oder der Wunsch etwas wirklich Sinnvolles tun zu wollen. All
diese Aspekte flossen in meine Entscheidung mit ein, erfordern u. a. allerdings
auch ein gewisses Maß an Flexibilität, und die Fähigkeit
seine Ansprüche in gewissen Bereichen ein wenig herunterschrauben
zu können.
Das Colegio Novalis ist eine Waldorfschule, 1969 von einem deutschen
Ehepaar ins Leben gerufen. Sie besteht aus einer Grundschule mit sechs
Klassen und knapp 100 Schülern sowie einem Kindergarten mit über
hundert Kinder. Meine Aufgaben dort waren sehr vielfältig und wuchsen
mit der Erfahrung und den Sprachkenntnissen. Meine in einem zweimonatigen
Volkshochschulkurs ein Jahr zuvor erworbenen Spanischkenntnisse waren
eher bescheiden, Besonderheiten des "Castellano" bei Aussprache und Grammatik
taten ihr übriges.
Meine wichtigste Aufgabe war zunächst das Läuten der Schulglocke.
Bis zu neun mal täglich betätigte ich dieses Instrument, entweder
grenzenlosen Jubel (bei Pausenbeginn) oder tiefe Trauer (bei Unterrichtsbeginn)
auslösend. Handwerkliche Tätigkeiten wie z.B. Abschmirgeln des
Schulzauns und Neulackierung folgten. Ich half im Garten und in der Küche;
bei allem was gerade so anfiel. Auch wenn zu Beginn eine sprachliche Hürde
bestand, rissen sich die Kinder um mich als Spielpartner und so spielte
ich in den Pausen "Polyladron" (uruguayische Fassung von Räuber und
Gendarm, äußerst populär), Völkerball, versuchte
mich auf Stelzen etc.
Nach einigen Wochen wurde ich dann zum Einkaufen geschickt, ging auf
den Markt Gemüse für die Schulküche holen, verkaufte in
den Pausen Kekse und half im Werk- und Musikunterricht, um nur einige
Beispiele zu nennen. Nach knapp einem halben Jahr habe ich dann einem
Teil der sechsten Klasse Nachhilfe in Englisch und in Ausnahmefällen
Vertretungsstunden in der zweiten Klasse gegeben. Letztere endeten allerdings
meist damit, daß die Lehrerin vom Klassenraum nebenan vorbeikam,
um sich nach dem Grund für den Lärm zu erkundigen.
Öfters bot sich auch die von mir gerne genutzte Möglichkeit,
die Kinder auf Ausflügen und kurzen Klassenfahrten zu begleiten,
was immer ein besonderes Erlebnis war.
Ansonsten war ich einfach "Mädchen für alles", habe eine Zeitlang
die Kinder zur Bushaltestelle begleitet, nachdem es Übergriffe von
Straßenkindern auf Schüler des Colegio gegeben hatte. Außerdem
habe ich die Auswahl meines Nachfolgers koordiniert, Briefe von Bewerbern
beantwortet usw.
Mir wurde oft bestätigt, daß neben den konkret verrichteten
Arbeiten meine Präsenz in der Eigenschaft als internationalen Element
oder in gewissen Dingen als Vorbild für die Kinder ungeheuer wichtig
war. Sei es, um Vorurteile abzubauen, die Nützlichkeit des Deutschunterrichtes
zu demonstrieren oder einfach nur zu zeigen, daß Blockflötenspiel
nicht zwangsläufig "uncool" sein muß.
Uruguay ist für südamerikanische Verhältnisse ein recht
kleines Land. Mit gut 3 Mio. Einwohnern auf knapp 180.000 km² liegt
Uruguay eingeklemmt zwischen Argentinien und Brasilien, im Osten vom atlantischen
Ozean begrenzt, im Süden vom Rio de la Plata. 1516 erreichten die
ersten Europäer dieses Gebiet, 1825 wurde die Unabhängigkeit
erreicht. Seit Ende der letzten Militärdiktatur 1984 wird das Land
wieder demokratisch regiert. Die Bevölkerung ist zum größten
Teil europäischen, darunter insbesondere spanischen und italienischen
Ursprungs. Auch einige deutsche Einwanderer (davon nur ein verschwindend
geringer Anteil Nazis nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches) gab
es, wovon noch heute Ortsnamen wie Nuevo Berlin oder Colonia Gartental
zeugen. Die Charrúa-Indianer sind schon seit langem so gut wie
ausgerottet, nur einen relativ kleinen Prozentsatz Schwarzer, Nachfahren
der überwiegend in Brasilien eingesetzten Sklaven, gibt es noch.
Die allermeisten Menschen sind Europäern gegenüber sehr freundlich
und aufgeschlossen und freuen sich, daß ein solcher sich überhaupt
in ihr kleines Land verirrt hat.
Landwirtschaft ist die wichtigste Einnahmequelle, darunter auch die Viehzucht
mit exzellentem Rindfleisch. Leicht gewellte Hügel prägen die
Landschaft im Landesinneren, das größtenteils als Weideland
genutzt wird. Nur ab und zu unterbricht eine Baumgruppe die endlose Weite
in dieser dünn besiedelten Gegend. Ansonsten hat Uruguay eine Menge
schöner Strände für jeden Geschmack anzubieten, vom Mittelpunkt
des südamerikanischen Jet-set, dem mondänen Punta del Este (auch
Zufluchtsort von Reemtsma-Entführer Drach), bis zur alternativen
Hüttenansammlung Cabo Polonio.
Die Hauptstadt Montevideo, ca. 1,3 Mio. Einwohner, ist eine richtige
Mischung aus südamerikanischen und europäischen Einflüssen,
dabei liebenswert altmodisch aber trotzdem lebendig. Sie ist mir während
meines Aufenthaltes dort genauso ans Herz gewachsen wie das Colegio und
spätestens als die Kinder mir nach einer kleinen Abschiedsfeier "no
te vayas" ("geh’ nicht") zuriefen, wußte ich, daß ein
Teil von mir in Montevideo bleiben würde.
Jörn Fischer
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Einrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche in
Hermanus/Südafrika
Rasmus Precht berichtet aus Südafrika, wo er den ADiA in einer
Einrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche geleistet hat.
Hier in Hermanus werden meine Aufgaben als "Dormitory Parent" und "Class
Helper" bezeichnet. In der Praxis bedeutet das, daß ich für
ein Jungenschlafzimmer verantwortlich bin, in dem Brandon (12), Phakamisa
(15) und Ricky (15) wohnen. Ricky ist weiß und kommt aus Cape Town.
Phakamisa und Brandon sind schwarz. Ersterer kommt aus einem Township
in Cape Town, Brandon ist aus Äthiopien. Herkunft und Behinderung
der Kinder sind sehr unterschiedlich. Einige sind wohlhabend und verwöhnt,
andere dagegen sehr einfach, geradezu arm für unsere Verhältnisse.
Die Krankheitsbilder reichen von simpler Lernbehinderung über Mongolismus,
Epilepsie bis Autismus.
Morgens um 6.30 Uhr muß ich die Kinder aufwecken und dann ständig
nach ihnen sehen, weil sie sonst nicht aufstehen, geschweige denn zum
Frühstück kommen. Außerdem helfe ich im Unterricht in
der Junior Class I (8- bis 12jährige). Im ersten School Term habe
ich im Unterricht Bäume durchgenommen, sie im Gelände studiert,
sie gemalt und Baumgedichte aufgeschrieben. Wir unterrichten zu dritt:
Der Lehrer, ein weiterer Helfer und ich. Mehrfach war ich schon gezwungen,
die acht absolut disziplinlosen Kinder vertretungsweise allein zu unterrichten,
wonach ich körperlich richtiggehend erschöpft war. Plötzlich
mußte ich Autorität entwickeln, was mir anfangs überhaupt
nicht leichtfiel, denn diese Kinder fordern einfach mehr Geduld. Es ist
nicht damit getan, sie einfach anzubrüllen, denn häufig reagieren
sie dann nur mit einem verständnislosen Blick.Was mir großen
Spaß gemacht hat, war ein kleines Theaterstück, das ich für
das School-Festival am letzten Schultag vor den Osterferien mit den Kindern
einstudiert habe.
Auch am Nachmittag findet Unterricht statt, allerdings hauptsächlich
in praktisch-handwerklichen Fächern: Gärtnern, Handwerken, Singen,
Reiten oder Schwimmen. In der Mittagspause muß ich die Mahlzeiten
zubereiten und habe sogar schon für das ganze Haus kochen müssen.
Außerdem helfe ich einmal pro Woche in der Bücherei, und jeden
Abend warte ich die Filteranlage des Swimmingpools. Der meist 15stündige
Arbeitstag endet damit, daß ich meinen Jungens eine Geschichte vorlese
und sie ins Bett bringe. (...)
Bis jetzt habe ich es nicht bereut, für einen so langen Zeitraum
hierher gekommen zu sein. Mein Job ist zwar anstrengend, dafür ist
die Betreuung und das Zusammenleben mit den Kindern eine sehr schöne
Erfahrung.
Rasmus Precht
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Camphill-Einrichtung in Schottland
Carsten Beta ging nach Schottland, um den ADiA in einer sogenannten
Camphill-Einrichtung zu leisten, einem Projekt für Behinderte.
Also auf nach bonny Scotland! Mich erwarteten ein fremdes Land, neue
Menschen, eine andere Sprache, dazu ein turbulenter, vom frühen Morgen
bis in die späte Nacht ausgefüllter Alltag, der im völligen
Gegensatz stand zu allem, was das kopflastige Schreibtischdasein des frischgebackenen
Abiturienten ausgemacht hatte. Zivildienstgesetz, Zustimmungen oberster
Landesbehörden, Versicherungen und Verträge waren schnell in
Vergessenheit geraten, denn in Camphill arbeitet man nicht, in Camphill
lebt man, und zwar sehr intensiv.
Einen herkömmlichen Arbeitsalltag gibt es dort nicht, aber dafür
auch keinen Feierabend. Auch wenn es sich um eine sogenannte Behinderteneinrichtung
handelt, so liegt die Aufgabe doch nicht im pflegerischen oder primär
therapeutischen Bereich, sondern vielmehr im alltäglichen Zusammenleben
mit den Behinderten. Die Aufgabe besteht aus dem täglichen Miteinander
im Haushalt oder in der Werkstatt, ist Aufgabe, ist Therapie. Auch medizinische
Hintergründe sind zunächst bedeutungslos. Oft kennt man sie
nicht einmal. Es spielt keine Rolle, ob die Fachleute Paul als schizophren
einstufen. Manche Psychologen sind auch der Ansicht, er habe autistische
Züge. Es ist nicht wichtig. Paul ist eben Paul. Man kennt ihn, er
hat seine Eigenarten, wie sie jeder mehr oder weniger extrem ausgeprägt
hat. Und so kann man die erstaunliche Erfahrung machen, wie der Begriff
des Behinderten, die Abgrenzung zwischen "behindert" und "normal", allmählich
etwas Absurdes wird, wie sie im täglichen Umgang etwas kaum zu Definierendes,
beinahe Sinnloses ist. An solchen und vielen weiteren Erfahrungen und
Erlebnissen war diese Zeit reich. Es wurde ein sehr bewegter, schöner,
zeitweise aber auch schwieriger Lebensabschnitt, der überdies voll
interessanter Bekanntschaften war.
Carsten Beta
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Gemeindezentrum in Italien
Benjamin M. Roßbach leistete den ADiA in einem Gemeindezentrum
in Italien.
Im September räumte ich nach zwanzig Jahren in meinem Elternhaus
mein Zimmer, packte allerlei brauchbare und unbrauchbare Habseligkeiten
zusammen und machte mich auf den Weg gen Süden. Der "Servizio Cristiano"
in Riesi, fernab in Sizilien, war mein Ziel und beherbergte mich seitdem
über ein Jahr.
Ein Jahr der Arbeit und Zerstreuung, ein Jahr der Kontakte und Erfahrungen,
ein Jahr im sonnigen Süden Europas, einen Katzensprung entfernt von
Afrika? Ein Jahr im Zeichen des "Anderen Dienstes im Ausland"!
Der Arbeitsvertrag mit meinem Träger sah für mich einen Einsatz
in Sizilien vor; ich hatte die Wahl zwischen dem palermitanischen Zentrum
"La Noce" und dem "Servizio Cristiano" im Süden Siziliens. Ich entschied
mich für das 1961 ins Leben gerufene Projekt in Riesi. Ein Ort, der
nach wie vor stark mit der Mafia, einer sehr hohen Arbeitslosigkeit, einer
hohen Abwanderungsquote und einer von all diesen bitteren Wahrheiten und
dem gesellschaftsbestimmenden Katholizismus geprägten Mentalität
zu kämpfen hat.
Für die Dauer von fünfzehn Monaten entsandte mich der Träger
an einen Ort, in dem ich nach meinen Möglichkeiten an dem Arbeits-
und Gemeinschaftsleben im "centro" teilhaben sollte. (...)
In den ersten Monaten war es unsere Aufgabe einige Gebäude zu renovieren,
neue Elektrizitätsleitungen und -anschlüsse zu verlegen, Wände
zu verputzen und zu streichen. Diesen ersten gesammelten Erfahrungsschatz
konnte ich zum Jahreswechsel bei der Einrichtung eines Chemielabors zum
größten Teil schon in Eigenverantwortung einsetzen. (...)
In den letzten Monaten erforderte der Bau des Zentrums für die Verarbeitung
landwirtschaftlicher Produkte den Einsatz aller im Bereich der Landwirtschaft
und der Gebäudeerhaltung mobilisierbaren Arbeitskräfte, um den
ausgedienten Hühnerstall erst teilweise abzureißen, Boden und
Grundmauern zu verstärken und schließlich das Dach zu decken.
Abgesehen von diesen langfristig zu verfolgenden Projekten, galt es Tag
für Tag kleine Reparatur- und Renovierungsarbeiten durchzuführen,
um den Betrieb in Kindergarten, Schule und Gästehaus zu ermöglichen.
Der Einsatz im Bereich der Gebäudeerhaltung hat mir Gelegenheit
gegeben, diverse praktische Arbeiten bis zu einem gewissen Grad zu erlernen
und auszuführen. Wichtiger als die praktische Tätigkeit erscheint
mir jedoch die gewonnene Erkenntnis, daß es auch mit beschränkten
Mitteln für jedes Problem eine Lösung gibt und diese mit einer
richtigen Kombination aus Intelligenz, Geduld und Glauben gewiß
zu verwirklichen ist. (...)
Ein Jahr "Servizio Cristiano", ermöglichte mir eine Kostprobe des
mediterranen Lebens irgendwo zwischen azurblauem Himmel und dem weiten
verbrannten Land, in einem, nur im übertragenen Sinne, gottverlassenen
Nest namens Riesi, im Herzen Siziliens, umgeben von der endlosen Weite,
Bergen und Tälern und schließlich dem Meer. Irgendwo zwischen
den Kontinenten und doch mitten im Leben!
Benjamin M. Roßbach
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Entwicklungshilfeprojekt in Kenia
Benjamin Gundlach leistete den ADiA in einem Entwicklungshilfeprojekt
in Kenia.
An einem der sanften, grünen Hügel liegt das von der Kirche
unterstützte Projekt, bei dem es sich um eine Berufsschule handelt,
die sich in drei voneinander völlig unabhängige Abteilungen
gliedert: Ausbildung, Produktion und Geschäftsbereich. (...)
Mein geplanter Arbeits- und Einsatzbereich waren die Gebiete "Water Spring
Protection" und "Low-Cost-Housing Programme", beides Felder, die eine
gewisse bautechnische Grundkenntnis voraussetzen. Das erste Gebiet befaßt
sich mit dem Schutz von Wasserquellen, die ungeschützt oftmals durch
Tiere und Menschen verschmutzt werden und sich somit zu Krankheitsquellen
wandeln. In letzter Zeit kamen immer mehr Bewohner der ländlichen
Gebiete um Kapsabet mit der Bitte um Unterstützung bei der Fassung
dieser Quellen, so daß vom Projekt eine kleine Gruppe zusammengestellt
werden sollte. Da es aber an Fundis und der notwendigen Fachkenntnis fehlte,
belief sich die Arbeit zunächst auf Informationssammlung, dem Knüpfen
von Kontakten und der Entwurf und Planung eines kostengünstigeren
Fassungstypes. Nach Beginn der ersten Arbeitsphase wurden "Public Lectures"
gehalten, in denen die "Rural Communities" über die Gefahren und
Risiken ungefaßter Quellen aufgeklärt werden sollten. Wenn
es zum Bau kam, übernahm ich auch die Organisation der Materialien
und der Arbeit mit Einbeziehung der Auftraggeber, sowie die Begleitung
am Bau der Quellenfassungen als "gleichgestellter Arbeiter". Kurz: Mein
Aufgabenbereich befaßt sich in diesem Gebiet um die Anleitung des
Projektes unter Aufsicht des Projekt-Managements.
Im Bereich des Low-Cost-Housing-Programmes wurde nach Wegen und Mittlen
gesucht, mit denen der Hausbau in dem Gebiet der Nandi Hills kostengünstiger
gestaltet werden konnte. Durch Einsatz billiger Baumaterialien und durch
die Nutzung von Baustoffen, die vor Ort gefunden werden konnten, sowie
durch einfache Konstruktionen konnten eine Reihe kostengünstiger
Häuser errichtet werden. Meine Aufgabe sollte sich hier auf die Beratung
der Interessierten belaufen, bei denen Konstuktionsmerkmale und der Einsatz
der vom Projekt hergestellten Produkte besprochen wurden. (...)
Aber nach dem kenianischen Prinzip der Unbestimmtheit hat sich diese
Eingrenzung nicht lange gehalten und mein Arbeitsbereich ist ... expandiert.
So habe ich mich nicht nur mit dem bautechnischen Wasserquellenschutz
befaßt, sondern mich in der ersten Zeit mit der Übersetzung
eines Buches herumgequält, das sich mit dem Umwickeln von Lichtmaschinen
beschäftigt, um diese als Generatoren für Wind- und Wasserkraft
einsetzen zu können. Außerdem habe ich Plakate und Informationsmaterialien
für das Small Business Centre des Projektes entworfen, mit dem "Produktionsmanagerassistenten"
ein Umfragebogen entworfen, an diversen Sitzungen des Produktion Department
Staffs teilgenommen, Vorträge in Schulen über "Environmental
conversation issues und water spring protection" gehalten, einen Antrag
für finanzielle Unterstützung des Projektes an United Nations
Environment Programme verfaßt und mich mit "anderen Kleinigkeiten"
beschäftigt. Darüber hinaus hatte ich das Glück, durch
meine Arbeit und die erforderliche Zusammenarbeit mit der hiesigen Diözese
die Field Officer der Regional Office bei ihren Fahrten in die Nandi Hills
zur Projektbegleitung und für die Nachbereitung begleiten zu können
und bin weit herumgekommen. Dabei bin ich Gegenden vorgedrungen, die den
Standard- und Alternativtouristen verschlossen bleiben, und in denen der
Mzungu (Weißer) - zumindest für die Kinder - noch eine richtige
Attraktion darstellt. (...)
Benjamin Gundlach
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Persönliche Darlegung der Beweggründe für
die Gewissensentscheidung
Björn-Arne Schmitz erzählt seine Beweggründe für
die Entscheidung zum Zivildienst.
Aufgrund meiner ethnischen Grundeinstellung bin ich grundsätzlich
gegen den Einsatz von Gewalt, besonders der Waffengewalt.
Ich hielt es schon in meiner Kindheit nicht für notwendig, mich mit
Drohgebärden meiner Umwelt beweisen zu müssen. Der Grund hierfür
liegt wohl in meiner betont evangelisch-lutherischen Erziehung, die ich
unter meinen Eltern genoß und die mich zu eigenverantwortlichem
Handeln hin erzog. Mir wurde schon in früher Jugend klargemacht,
Stärke nicht in Gewaltbereitschaft zu sehen, sondern in Geduld und
Kompromißbereitschaft. Diese Qualitäten haben mir im Laufe
meines Lebens oft geholfen, Gewalt von mir fern zu halten und zu vermeiden.
Ich bin der Ansicht, dass es von unserem Staat völlig widersprüchlich
ist, auf der einen Seite die christlich und moralischen Werte wie Frieden,
Weltoffenheit, Toleranz, Hilfsbereitschaft u.s.w. hochzuhalten und auf
der andren Seite die Jugend zu Brutalität, zum Töten von Menschen
und zum Kriegen zu trainieren.
Die Achtung vor dem Leben verbietet mir, einen Menschen, egal ob Freund
oder Feind, zu verletzen oder gar zu töten, denn jeder Mensch hat
schließlich das Recht auf Unversehrtheit, wie es sogar im Grundgesetz
(Art. 2 Abs. 2) festgeschrieben ist.
Ich bin der festen Überzeugung, dass es mir nicht zusteht über
das Leben und Sterben eines anderen Menschen zu urteilen und zu entscheiden.
Außerdem weiß ich aus Erzählungen meiner Großeltern,
aus dem 2. Weltkrieg, dass Krieg gleichzusetzen ist mit Zerstörung,
Zerstörung von Leben, Freundschaften und Existenzen. Darüberhinaus
bringt der Krieg Armut, Hunger, Leid und Trauer.
Ich könnte es mit meinem Gewissen nicht vereinbahren, einen Beitrag
hierzu geleistet zu haben.
Vielmehr bin ich zu dem Entschluß gekommen, dass es wohl sinnvoller
ist, Zivildienst zu leisten und somit Hilfsbedürftigen unter die
Arme zu greifen. Es wird den Kranken und Gebrechlichen geholfen und gleichzeitig
spart der Staat eine Menge Personalkosten ein, die er an hauptberufliche
Mitarbeiter in sozialen Bereichen ansonsten zu zahlen hätte.
Auch das Argument, Deutschland mit Waffengewalt verteidigen zu müssen,
zählt für mich nicht.
An dieser Stelle möchte ich einen Grundgedanken von Sokrates zitieren,
der mich sehr zum Denken anregte und dessen Einstellung auch sehr gut
zu meiner Art zu leben, paßt: "Unrecht zu erleiden ist besser als
Unrecht zu tun".
Nach diesem Grundsatz arbeitete auch mein größtes Vorbild Mahatma
Ghandi, dessen Gedankengut ich im Kleinen zu verwirklichen suche. Er,
der Führer einer indischen Volksminderheit, setzte seine Forderungen
durch friedliche Aktionen und Gewaltlosigkeit durch.
Ich habe mich lange Zeit mit dem Aufbau des NS-Regims und seinen Verbrechen
beschäftigt und bin zu dem Schluß gekommen, dass die Vernichtung
der Juden ohne militärischen Drill nicht möglich gewesen wäre.
Vor allem wäre es den wenigen Führern nicht gelungen, das Volk
nach ihrem Willen zu diktieren.
So sehe ich dies als weiteren triftigen Grund, eine militärische
Ausbildung zu verweigern, um nicht durch die Willkür eines Vorgesetzten
dazu gezwungen zu werden, jemanden töten oder verletzen zu müssen.
Mir ist bis zu diesem Tag klar geworden, dass Leben wunderschön
sein kann, es mir aber wohl kaum zusteht, es zu beenden, man eher im Gegenteil
helfen muß, es zu bewahren und zu verbessern.
Es ist an der Zeit, aus Fehlern in vergangen Jahrhunderten zu lernen und
Schluß mit dem Militarismus zu machen. Diplomatische Verbindungen
zu pflegen und Kulturaustausch zur Völkerverständigung voranzutreiben.
Der junge Frieden muß gewahrt bleiben.
Ich kann es mit meinem Gewissen nicht Vereinbahren, Befehle entgegenzunehmen,
die mich dazu zwingen, einen anderen Menschen Leid zuzufügen. Es
wäre Verrat an meiner Selbst, Gewalt auszuführen, deshalb verweigere
ich den Wehrdienst.
Björn-Arne Schmitz
BASchmitz@topmail.de
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