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Probleme im ADiA

Interkulturelle Erfahrungen

Indische Arbeitsmoral

Hier auf meinem kleinen Projekt gibt es im Moment Veränderungen. Der Leiter ist für einige Zeit aus Deutschland nach Indien gekommen, was ich nutze, um auf Mißstände wie das Fehlen eines Konzeptes und eines Zieles hinzuweisen. Es ist höchste Zeit für Veränderungen. Ich hatte im letzten Brief nach Deutschland bereits angedeutet, ein großes Problem in der Arbeitsweise dieses Projektes zu sehen. Es kommen mir immer noch Bedenken über die Ernsthaftigkeit und die Effektivität dieses Projektes. Dies ging so weit, daß ich ernsthaft darüber nachgedacht hatte, meine Tätigkeit hier aufzugeben und mir in Indien eine andere Aufgabe zu suchen.

Ich will einige Schwierigkeiten kurz schildern. Wie ich schon einmal dargestellt, hat die Familie Gairola (die Familie des Leiters und Gründers) einen starken Einfluß auf die Gestaltung dieser Einrichtung. Man könnte es einen Familienbetrieb nennen. Die Kinder, welchen ich meine Arbeit hier widmen wollte und will, leben in dieser Familie wie in ihrer eigenen. Dafür wird die Familie Gairola vom Verein in Deutschland bezahlt. Der eigentliche Plan mit den Kindern auf der Farm zu leben, um sie in einer naturbezogenen und schönen Umgebung aufwachsen zu lassen, wurde nicht umgesetzt, da es hier zu unbequem ist und die Großmutter Gairola, welche mit den Projekt eigentlich nichts zu tun hat, ihr Haus in der Stadt weder verlassen, noch dort alleine leben wollte. Ich finde es höchst problematisch, wenn die Entwicklung des Projektes, welches sich ja das Wohl der Kinder und deren Erziehung zur Aufgabe gemacht hat, aus solchen familiären Gründen gehindert wird. Es entsteht manchmal die Frage, ob es hier um eine soziale Idee geht oder um die Familie Gairola. Ein anderes Problem ist, was ist der Zweck dieses Projekts? Geht es um eine Erziehung der Kinder im Sinne der Anthroposophie, um Landwirtschaft und das Leben mit vier Kindern oder soll einfach ein paar Kindern aus ärmsten Verhältnissen ein besserer Lebensstandard ermöglicht werden.

Aber ich habe das Gefühl, jetzt die Möglichkeit zu haben, hier etwas zu verändern und bewirken zu können, und diese Chance will ich nutzen.
Ich merke bei der Aufarbeitung solcher Probleme immer wieder, wie unterschiedlich die europäische und asiatische Kultur ist. Es ist nicht immer leicht, daraus zu lernen und etwas Gutes zu machen. So ist es hier in Indien zum Beispiel nicht ungewöhnlich, eine Vereinbarung z.B. über den Tagesplan der Kinder zu treffen, und diesem von allen Mitarbeitern zugestimmt wird, sich aber niemand an diese Vereinbarung hält und auch gar keine Bedenken hat, sich nicht an das Vereinbarte zu halten. Solche Dinge entstehen aber nicht aus Böswilligkeit oder Vergeßlichkeit, sondern vielmehr daraus, daß man es in Indien oft nicht problematisch findet, wenn sich jemand nicht an das Vereinbarte hält. Es ist einfach eine andere Wertevorstellung im Bezug auf Verabredungen, Versprechen und Abmachungen.

Ein echtes Problem, was ich in Indien erlebe, ist das der Autorität. Es ist den Indern (soweit man ein Volk dermaßen verallgemeinern kann) nicht oder fast nicht möglich, aus Eigeninitiative und Eigenverantwortung zu arbeiten. Es muß immer einer den Führer, den Guru, spielen. Indien ist nicht grundlos das Land der Gurus. So hatten wir vor einiger Zeit einen Handwerker bestellt, welcher Löcher und Risse in einem der Räume verputzen sollte. Als er seine Arbeit verrichtet hatte, waren alle Löcher in dem Raum verputzt, aber auch solche, in die man den Riegel der Tür schiebt, um diese zu verschließen oder einige Stromanschlußdosen, die ich offen gelassen hatte, um Steckdosen anzubringen. Als ich diesen Arbeiter darauf hinwies, was diese „Löcher“ für einen Sinn hatten, wußte er das sehr wohl, antwortete mir aber, ich hätte ihm ja aufgetragen, die Löcher und Risse zu verputzen. Diese Problematik zeigt sich auch in der gemeinsamen Erarbeitung einer sozialen Struktur. Versuche ich gemeinsam mit der Kinderbetreuerin eine Veränderung z.B. am Tagesablauf vorzunehmen, bin immer ich derjenige, der diese Veränderung einführen und durchhalten muß. Immer werde ich auch gefragt: "Und wie jetzt?"

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